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4. Einheit: Entgleisung der Gefühle


4.1 Der manische Patient


Affektive Psychosen allgemein:


  • Erkrankung, bei der eine Störung der Stimmungslage führendes Symptom ist (Zyklothymie)

  • Verlauf monopolar (Wechsel zwischen manischen (oder depressiven) Phasen und freien Intervallen)

  • oder bipolar (Wechsel zwischen manischen Phasen, depressiven Phasen und freien Intervallen)

  • zu den endogenen Psychosen gehörend. Depressionen sind allgemein häufiger, Frauen sind eher betroffen als Männer (2:1).

Manie:


Als maniform wird ein Zustandsbild bezeichnet, in dem der Patient ein abnorm gesteigertes Hochgefühl erlebt. Sprühend vor Ideen und Energie verliert er seinen Bezug zur Realität.


Symptome:


  • gehobene Stimmung (Euphorie)

  • Antriebssteigerung, allgemeine Hemmungslosigkeit

  • Ideenflucht (beschleunigtes Denken, Verlust des Zusammenhangs), aber erhaltenes Bewußtsein

  • expansive Art (Drang nach Einmischung)

  • gesteigertes Selbstwertgefühl (Größenideen), Überschätzung der eigenen Person

  • Redefluß, Bewegungs- und Beschäftigungsdrang

  • vermindertes Schlafbedürfnis

  • Kritiklosigkeit gegenüber dem eigenen Handeln

  • gesteigerte Sexualität, Kaufsucht

  • gutes Gedächtnis, keine Krankheitseinsicht

  • Gefahr der rücksichtslosen Aggressivität bei Überreizung


Verlauf und Folgen:


Ausbruch im 3.-4. Lebensjahrzehnt. Der phasische Verlauf ist durch das zeitweilige Auftreten des Symptomenkomplexes gekennzeichnet. Zwischen diesen Phasen finden sich symptomfreie Intervalle.


Unbehandelt magert der Patient ab und schläft wenig, ohne das als belastend zu erleben. Seine massive Selbstüberschätzung kann sozial, finanziell und körperlich erhebliche Folgen haben. Die überhebliche Art wird als aufdringlich empfunden, weshalb sich die Personen des Umfeldes oft distanzieren. Geschäftliche Aktivitäten führen in den finanziellen Ruin. Unfälle infolge mangelnder Selbstkritik können Ursache erheblicher körperlicher Schäden sein. Eine Abgrenzung zur hysterischen Persönlichkeit ist nötig.


Therapie


  • Neuroleptika (nach Symptomatik - eher niederpotent)

  • Tranquilizer (vegetative Dämpfung)

  • Lithium (zB. Quilonum) oder Carbamazepin (zB. Tegretal) zur Phasenprophylaxe

  • Soziotherapie / Verhaltenstherapie (Abschirmen von Außenreizen, Risiken des “Überdreht seins” zeigen)

  • In symptomfreien Intervallen oder in der abklingenden Manie psychotherapeutische Bearbeitung auslösender Ereignisse aus dem Vorfeld der Manie


Pflege


Allgemein


Das Pflegepersonal bleibt gleichbleibend ruhig, ohne den Patienten durch Lachen und/oder Mitmachen zu bestärken. Evtl. werden Mitpatienten (vor allem depressive Patienten) von Manikern abgeschirmt (Problem der Wehrlosigkeit gegen ihr aufdringliches Auftreten). Klare Entscheidungen treffen und ggf. alternative Vorschläge zu den Plänen des Manikers machen. Dem gesteigerten Antrieb und Bewegungsdrang des Patienten wird durch möglichst großen Bewegungsraum und entsprechender Beschäftigung entsprochen. Der Patient wird vor Prestigeverlust und übersteigerten finanziellen Ausgaben durch angemessene Regelungen bewahrt. Auf regelmäßige Mahlzeiten, Körperpflege, Blasen- und Darmentleerung achten, da der Patient durch seine Überaktivität für “diese Dinge” oft keine Zeit hat. Eine besondere Krankenbeobachtung ist nötig, da Unruhe und Gereiztheit schnell in rücksichtslose Aggressivität umschlagen kann.


Besonderes Augenmerk wird auf das Abklingen der manischen Phase gelegt, da die Gefahr einer depressiven Nachschwankung besteht. Eine Suizidgefahr besteht verstärkt in dieser depressiven Gemütslage, im Übrigen besteht die Gefahr körperlicher Verletzung durch die massive Selbstüberschätzung des Patienten.


Krankenbeobachtung


  • Beobachtung auf Persönlichkeitsänderung / Symptomentwicklung (Krankheitsgeschehen)

  • Beobachtung der Stimmungslage (Medikamentenwirkung, Verbesserung, Verschlechterung, depressive Nachschwankung)

  • Beobachtung der Psychomotorik (erhöht, verlangsamt)

  • Beobachtung des Schlaf-Wachrhythmus (der manische Patient empfindet Schlaf als unnötig)

  • Beobachtung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme (zum Essen und Trinken fehlt ihm häufig die Zeit)

  • Beobachtung Medikamenteneinnahme (die Medikamente machen ihn müde und er erlebt eine subjektive Verschlechterung seines Zustandes)

  • Beobachtung der vegetativen Symptomatik (körperliche Erschöpfung)

  • Beobachtung der Nebenwirkungen verabreichter Medikamente (siehe Nebenwirkungen von Neuroleptika)

  • Beobachtung des Verhaltens in der Gruppe (soziale Kontakte, Überforderung von Mitpatienten, Distanzlosigkeit)


Speziell


  • Ruhiges, helles Krankenzimmer, Vitalzeichenkontrolle, auf Verhaltensauffälligkeiten achten

  • Reizarme Atmosphäre bieten (nach Möglichkeit Einzelzimmer)

  • für Aufrechterhaltung der Körperhygiene sorgen (dem manischen Patienten scheint Hygiene aufgrund seiner mangelnden Zeit zu unwichtig).

  • In der Akutphase oberflächliche Körperpflege und unordentliche Kleidung unter Umständen akzeptieren!

  • Einbeziehung des Patienten in den normalen Stationsablauf (vorsichtiges Stärken der gesunden Anteile, Verantwortung und Durchhaltevermögen fördern), viel Zuwendung

  • für regelmäßige Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sorgen (erhöhter Kalorienbedarf wegen überhöhter Aktivität), Gewichtskontrolle. Wegen mangelnder Tischmanieren und hoher Ablenkbarkeit kann es sinnvoll sein den Pat. alleine (unter Aufsicht einer Pflegekraft) essen zu lassen.

  • Möglichkeiten zu sozialen Kontakten geben (in kritischen Situationen den Patienten durch Ruhe und Voraussicht so lenken, daß Streit mit Mitpatienten vermieden wird)

  • persönliche Atmosphäre schaffen (Vertrauen aufbauen, Patienten zur Mitarbeit motivieren)

  • Gespräche führen (Patienten von seinen übersteigerten Ideen ablenken, auf reale Ereignisse - gesundes fördern) Wichtig:

    • Durch die Äußerungen des Patienten nicht persönlich angegriffen fühlen: Derbe Witze und sexuelle Anzüglichkeiten sind krankheitsbedingt.

    • Von Witzeleien und Anzüglichkeiten nicht mitreißen lassen bzw. selbst welche von sich geben, um den Patienten in seinem Verhalten nicht noch zu bestärken!

    • Sachliche und entschlossenen Anweisungen für den Patienten: "Kommen Sie jetzt zum Mittagessen."; "Wenn Sie bis 12.30 Uhr nicht erschienen sind, gibt es kein Mittagessen mehr."

  • Dem Patienten Aktivitäten anbieten, die seinem Bewegungsdrang entsprechen (Gartenarbeit, großflächiges Malen, Ballgymnastik, Laufen etc.) Wichtig:

    • manische Patienten müssen schnell Erfolge sehen,

    • möglichst nicht mit Depressiven oder anderen Manikern zusammen beschäftigen,

    • Patient die Möglichkeit zur Selbstgestaltung seines Umfeldes geben (Poster etc.)

  • regelmäßige Medikamentennahme überwachen

  • Auf depressive Nachschwankung achten und entsprechend reagieren (Suizidalität?)

 

Besondere Problematik


Der Patient fühlt sich in seiner manischen Phase besonders wohl und gesund. Er besitzt keinerlei Krankheitseinsicht und ist zur Mitarbeit meist nicht bereit.


Ist der Patient gereizt, so ist größte Vorsicht geboten. Die manische Gereiztheit kann plötzlich in schwere rücksichtslose Aggressivität umschlagen.


4.2 Der depressive Patient


Als depressiv werden Menschen bezeichnet, die in übertriebenem Maße traurig/melancholisch sind. Innere Versteinerung und Leere hemmen die gesamte Affektivität. Das Denken ist einförmig und unproduktiv.

 
Verlauf


  • in Phasen, mit symptomfreien Intervallen

  • Ausklingen der Phasen ohne Residualsymptome

  • Gesteigerte Suizidgefahr in der Depression bei:

  • Beginn und Ende der depressiven Phase, bzw. ausreichendem Antrieb (auch: agitierte Depression)

  • Behandlung mit antriebssteigernden Medikamenten, bei erhaltener depressiver Gemütslage


Diagnose


  • Anamnese / Beobachtung (Symptomatik + mögl. Ursache: endogen, exogen, neurotisch) orientiert an Symptomatik und Verlauf.

  • Ausschluß einer depressiven Verstimmung bei schwerer organischen Erkrankung (auch Hypothyreose!) oder einer neurotischen Depression bzw. einer neurotischen Persönlichkeitsänderung


Symptome


  • depressive Grundstimmung (psychische Störung): Innere Leere, Gefühl des "Innerlich-Totseins", Nicht-traurig-sein und Nicht-weinen-Können, "Gefühl der Gefühllosigkeit". Die Betroffennen sprechen meist von: versteinert, gleichgültig, leer, ausgebrannt.

  • Antriebshemmung (psychomotorische Störung): Schwunglosigkeit, verlangsamtes Denken -schwerpunktmäßig gerichtet auf das eigene Versagen, Entschlußunfähigkeit, Gleichgültigkeit, Apathie, stockende Sprache

  • manchmal (bei agitierter Depression): unruhiges Umherlaufen, dabei Jammern und Klagen

  • körperliche Beschwerden (somatische Störungen): Schwere, Muskelschmerzen, Verstopfung, leibliche Mißempfindungen (Druck- und Engegefühl in Kopf-, Hals-, Brustbereich) Appetitverlust, Gewichtsverlust, Menstruationsstörungen, Libidoverlust, Schlafstörungen (Ein- und Durchschlafstörungen)

  • melancholisches Wahnerleben: Verarmungsideen, Schuldgefühle, Minderwehrtigkeitskomplexe

  • tageszeitliche Schwankung (morgens oft verstärkte Symptomatik)

  • depressiver Stupor als Komplikation möglich

  • der Gesichtsausdruck ist ernst, der Blick verrät ängstliche Beunruhigung, Mimik, Gestik und Sprache drücken Angespanntheit, Entschlußlosigkeit und Hoffnungslosigkeit aus.


Therapie allgemein


  • medikamentöse Therapie (Antidepressiva nach Symptomen)

  • Sozialtherapie (Antriebssteigerung)

  • Schlafentzug (total oder partiell)

  • seltener Elektrokrampftherapie

  • psychoanalytischen Therapien je nach spezieller Situation des Patienten (Gefahr: Verstärkung der Schuldgefühle)

  • Gabe von Lithiumpräparaten zur Langzeittherapie/Phasenprophylaxe bei affektiver Psychose


Einteilung der Antidepressiva:

  • antriebsneutrale, stimmungsaufhellende (Tofranil®, Anafranil®, Ludiomil®, Tolvin®, Alival®, Noveril®)

  • antriebsdämpfende, stimmungsaufhellende (Saroten®, Stangyl®, Aponal®, Sinquan®, Laroxyl®, Tryptizol®)

  • antriebssteigernde, stimmungsaufhellende (Pertofran®, Nortrilen®, Maximed®, Fevarin®)

  • Kombinationspräparate mit Tranquilizern (Limbatril®, Psyton®) - Suchtgefahr


Pflege:


Grundsätzlich


Intensive persönliche Zuwendung, um das Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln, den Patienten in seiner Hoffnungslosigkeit annehmen und vorsichtig aufbauen.


Ein strukturierter Tagesablauf ist wichtig, um die Antriebshemmung zu überwinden. Programmpunkte müssen eingehalten werden (evtl. durch kleine Belohnungen: Ausgang, Rauchen, Fernsehen, Taschengeld verstärken). Auf regelmäßige Mahlzeiten, Körperpflege, Blasen- und Darmentleerung achten. Bei der Planung des Tagesablaufes die Tagesschwankungen beachten. Entsprechend der Symptomatik zum Beispiel auf Schlafstörungen achten und entsprechend reagieren. Besondere Beobachtung bei möglicher Entwicklung einer Suizidalität (Anzeichen beachten!).


Krankenbeobachtung


  • Beobachtung auf Persönlichkeitsänderung (Krankheitsgeschehen)

  • Beobachtung der Stimmungslage (Tagesschwankungen)

  • Beobachtung der Psychomotorik (Hinweis für inneren Zustand, Antrieb)

  • Beobachtung des Schlaf-Wachrhythmus (Schlaflosigkeit)

  • Beobachtung der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme (dem Patienten fehlt die Energie zur Nahrungsaufnahme, er leidet häufig unter starken Ängsten)

  • Beobachtung Medikamenteneinnahme (Sammlung der Medizin für evtl. Suizid)

  • Beobachtung der vegetativen Symptomatik (Obstipation, Atembeschwerden, Menstruationsstörungen), regelmäßige Vitalzeichenkontrollen

  • Beobachtung der Nebenwirkungen verabreichter Medikamente

  • Beobachtung des Verhaltens in der Gruppe (Rückzug, Isolierung)


Speziell


  • ruhiges und helles Krankenzimmer (kein Einzelzimmer!)

  • für Aufrechterhaltung der Körperhygiene sorgen (evtl. assistieren)

  • für regelmäßige Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme sorgen, Gewichtskontrollen

  • Unterstützung der Darmfunktionen (Obstipationsprophylaxe)

  • Motivation zur Ergotherapie um Antriebshemmung zu überwinden

  • gezielte Aktivitäten (Sport u.ä.) zur Verbesserung des Schlafs

  • Beschäftigungs- und Spieltherapie zur sinnvollen Gestaltung des Tagesablaufs

  • Einbeziehung des Patienten in den normalen Stationsablauf

  • persönliche Atmosphäre schaffen

  • viel Zuwendung, Gespräche führen

  • Möglichkeiten zu sozialen Kontakten geben

  • Medikamentengabe gezielt überwachen (vom Sammeln von Medikamenten abhalten!)

  • Auf Suizidalität achten und entsprechend reagieren (beachte: 10 - 17 % der Depressiven sterben im Laufe ihrer Krankheit durch Suizid)


Copyright und Autor: Jürgen Weber

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