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2. Einheit: Pflegerische Begleitung durch das Feld der Therapie


2.1 Strukturen der Psychiatrie heute


Psychiatrische Versorgung (therapeutische Kette)


Die Gesamtheit der psychiatrischen Versorgung in unserer Gesellschaft umfaßt mehr als nur den klinischen Bereich. Neben der Praxis (Grundversorgung), von der auch konsiliarärztliche Untersuchungen übernommen werden können und der psychiatrischen Fachklinik (zur Krisenintervention und Behandlung schwerer akuter Erkrankungen), gibt es psychiatrische Abteilungen auch am allgemeinen Krankenhaus (Vorteil ist die gemeindenahe Versorgung der Betroffenen), eigene kinderpsychiatrische Einrichtungen (wegen spezieller Anforderungen notwendig), die Weiterbetreuung in Wohn- und Pflegeheimen (für chronisch Kranke), teilstationäre Einrichtungen (Tages- und Nachtklinik, bei verläßlichem Zuhause der Patienten zur Vermeidung einer vollstationären Aufnahme) und komplementäre Einrichtungen (wie Übergangs- und Dauerwohnheime, Jugendwohnheime, Arbeitsrehabilitation in speziellen Werkstätten, psychosoziale Zentren/Teestuben zur Freizeitgestaltung und abgestuften, rehabilitativen Betreuung). An besonders spezialisierten Einrichtungen haben sich vor allem Institutionen zur Suchtbehandlung, zur Therapie psychosomatischer Erkrankungen, für geistig Behinderte, Alterskranke und psychisch kranke Rechtsbrecher (forensisch-psychiatrische Krankenhäuser ) bewährt.


Allgemein sind als therapeutische Kette zu nennen:


A. psychiatrische Ambulanz  (regionale, heimatnahe Betreuung)

B. fachpsychiatrische Station  (offen / geschlossen)

C. Tages-, Nacht-, Wochenendkliniken  (teilstationäre Einrichtungen)

D.Wohnheime / Übergangswohnheime  (komplementäre Einrichtungen)

E. Wohngemeinschaften  (Weiterbetreuung nach der Therapiephase)

(Therapeutische Kette = Eine Reihe von Einrichtungen zur psychiatrischen Versorgung, welche dem Patienten abhängig von seiner jeweiligen Unterstützungsbedürftigkeit zur Verfügung stehen.)


In vielen psychiatrisch orientierten Kliniken sind eine Reihe dieser Spezialeinrichtungen nebeneinander vorhanden. So dient die Ambulanz in der Regel der Aufnahme und poststationären Betreuung der Patienten, der geschlossene Bereich zur Krisenintervention, offene Stationen dienen der Weiterbehandlung psychischer Störungen, Gerontopsychiatrie / Geriatrie und Suchtbereich zur Behandlung spezieller Patientengruppen.


Zusatzeinrichtungen wie Räume zur Beschäftigungs- und Musiktherapie, Werkstätte, Sporthalle, Bäderabteilung etc. haben therapieunterstützenden Charakter, teilstationäre Bereiche dienen der Rehabilitation und Langzeitbetreuung


Therapeutisches Team


In der Aufgabe, die im Einzelfall vorliegende psychische Störung zu Erfassen und anzugehen, ist der Arzt natürlich nicht allein gefordert. Eine Vielzahl von Mitarbeitern in unterschiedlichen Positionen (Ausbildungen, Blickpunkten) bildet hierbei eine Gemeinschaft, die als “therapeutisches Team” bezeichnet werden kann. Hierzu gehören neben den Ärzten und den Pflegekräften auch Ergotherapeuten in der Beschäftigungs- und Arbeitstherapie, Seelsorger, Psychologen, Sporttherapeuten und Sozialarbeiter. Alle leisten ihren Beitrag den Patienten in der Ganzheit seiner Person und Situation erfassen zu können. In der Anfangsphase des stationären Aufenthaltes ist natürlich das Pflegepersonal im Rahmen der Krankenbeobachtung besonders stark gefordert.


Pflegepersonal in der Psychiatrie


Psychisch Kranke wurden, wie die Geschichte zeigt, von Menschen die ihr Verhalten nicht verstanden, mit Furcht oder latenter Feindschaft behandelt. Das Pflegepersonal psychiatrischer Einrichtungen verstand (versteht) sich ganz oder nahezu ausschließlich als "aufsichtsführendes Ordnungsorgan", ihr Ziel war der Schutz der normalen Gesellschaft vor den Geisteskranken. Kontrollieren und über die Patienten Aufsicht führen, Zwischenfälle verhindern (vor allem Entweichungen und Suizide) und Anweisungen des Arztes durchführen (Vorbereitung sowie Transporte zu Untersuchungen, Medikamentengabe, spezifische Behandlungsmaßnahmen wie Katheterisieren, Verabreichen von Sondennahrung etc.) waren die Aufgaben der Pflege.


Aufgaben heute: Richtziel aller Tätigkeit ist die Behandlung und Wiedereingliederung in eine möglichst normale gesellschaftliche Umgebung, nicht nur die Aufbewahrung und Aufsichtsführung über die Patienten. Jedem Patienten muß mit Respekt begegnet werden, keiner wird behandelt wie ein willenloses Kind (Beispiel: "Du mußt jetzt ins Bett Opa!"). Pflegekräfte in der Psychiatrie wollen rehabilitieren, nicht hospitalisieren - sie sind keine Irrenwärter mehr.


Dienstkleidung:


Zu den neuen Aufgaben des psychiatrischen Pflegepersonals gehören auch Aufgaben, die sich außerhalb der Krankenhausgrenzen abspielen (Einkaufen mit Patienten, gemeinsames Schwimmen mit der Gruppe, Gaststättenbesuch). Selbstverständlich ist, daß Pflegepersonal hier in Privatkleidung teilnimmt. Im Zuge der Entwicklung führte die Last des mehrmals täglich notwendigen Umkleidens zum Ablegen jeglicher Dienstkleidung auch im Stationsbetrieb. Dies kann aber nicht allein Ausdruck einer rehabilitationsorientierten Behandlung der Patienten sein. Verloren geht dabei eine Hilfe für die Patienten zur Wahrung der zwischenmenschlichen Distanz. Es kann nur eine individuelle stations- und patientenorientierte Entscheidung sein ob Zivilkleidung oder Schutzkleidung getragen wird. Wichtig ist, daß jedwede Kleidung nicht lässige Freizeit, oder sexuelle Verführung signalisiert - die Mitarbeit in einem Dienstleistungsbereich muß deutlich werden.


Allgemeine Ziele der gesamten therapeutischen Gemeinschaft in der heutigen Psychiatrie sind:


  • unnötige Beschränkungen der Patienten abzubauen
  • nötige Beschränkungen für den Patienten durchsichtig und nach Möglichkeit einsichtig werden zu lassen

  • gemeinsam mit dem Patienten im therapeutischen Prozeß zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu übernehmen

  • ein Identifikationsvorbild für den Patienten abzugeben

  • die institutionellen Rahmenbedingungen so zu gestalten, daß diese für den Patienten ein Stück Realität repräsentieren. (Mit dem die Kranken mit Hilfe des therapeutischen Teams umzugehen lernen.)

2.2 Aufnahme in eine psych. Klinik


Kommt ein Patient das erste Mal in eine psychiatrische Klinik, steht das Pflegepersonal vor der Aufgabe ihm mit all seinen Vorurteilen und Ängsten anzunehmen. Krankheitszeichen, Absonderlichkeiten, Angewohnheiten müssen gleichermaßen mit Aufmerksamkeit beobachtet und dokumentiert werden. Der Patient selbst stellt dabei die wichtigste Informationsstelle für die pflegerische Informationssammlung dar. Sein Verhalten, seine Äußerungen lassen oft Rückschlüsse auf seinen inneren Zustand zu und wirken somit bestimmend auf die praktische Pflege. Für den Umgang mit dem Patienten ist das Senden der richtigen “Signale” bzw. “Botschaften” wichtig (vor allem im ersten Kontakt). Der Betroffene soll sich mit seinem Leiden, seinen Problemen, seiner Not beschützt, geborgen, verstanden fühlen. Takt, Geduld und Aufmerksamkeit sind geboten.


Richtlinien zur Führung des pflegerischen


Erstgesprächs:


  • Kontakt knüpfen (durch persönliche Vorstellung, einladende Gesten, Angebot eines Sitzplatzes)
  • Haltung und Sitzposition beachten (keinen Block / Schutzwall bilden)

  • Nähe / Distanz beachten (Räumliche Nähe erzeugt oft Unwohlsein, therapeutisch / pflegerisch ist eine innere Distanz zum Patientenerleben wichtig)

  • Offenheit - ehrliches Interesse zeigen (kein stures Abspulen eines Frage-Antwort-Programms)

  • zuhören, wahrnehmen (verstehen, einfühlen in die Vorgänge die offenbar werden)

  • normal und unbefangen reagieren (keine künstlich aufgesetzte Höflichkeit)

Ablauf des Aufnahmetages:


  • Pflegerisches Erstgespräch (Infosammlung, Analyse möglicher Pflegeprobleme, Vitalzeichenkontrolle etc)

  • Erledigung der administrativen Formalitäten (Aufnahmepapiere, Essensbestellung, Patientenkurve)

  • Kontrolle der mitgebrachten Koffer und Taschen auf gefährliche Gegenstände (Messer, Glasflaschen, Medikamente etc.) oder Wertsachen

  • Zuweisung eines geeigneten Zimmers (der Situation des Patienten angemessen! - Sr. Rufanlage zeigen)

  • Räumlichkeiten zeigen (Aufenthaltsbereich, Raucherecke, Sanitäranlagen, Telefon, Besucherraum etc.)

  • Einführung in den Stationsablauf (Ruhezeiten, Mahlzeiten, BT, AT, Besuchszeiten, Sicherheitsmaßnahmen erklären, Verbote/Gebote erläutern)

  • Vorstellung der Mitpatienten / des Patienten (Hilfe soziale Kontakte zu knüpfen  diese Aufkabe kann auch von einem Mitpatienten übernommen werden!)

  • Einleitung der angeordneten diagnostischen Maßnahmen (Routine, spezielle Anordnungen)

  • Eingliederung des Patienten durch aktive Zuwendung (“da sein”, begleiten, Gespräch ermöglichen)

2.3 Die 3 Säulen der psychiatrischen Therapie


2.3.1 Somatische Verfahren:


Hier sind die Psychopharmakotherapie und große Teile der Physiotherapie (Gymnastik, Bäder etc.) anzusiedeln. Auch Schlafentzug (komplett=die ganze Nacht, partiell=zweite Hälfte der Nacht oder selektiv=Entziehung des REM-Schlafes) und die Elektrokrampftherapie (immer in Kurznarkose und unter Muskelrelaxans) gehören in diesen Bereich. Ziel ist neben der Symptombekämpfung, die vegetative Regulierung und die körperliche Erholung des Patienten.


Psychopharmaka


sind chemische Verbindungen, die zentralnervöse Regulation beeinflussen und auf diesem Wege psychische Funktionen verändern. Wichtig sind dabei:


1) Neuroleptika:


Gruppe I Schwache neuroleptische Potenz (Dämpfung und schlafanstoßend - Melleril®, Taxilan®, Dominal®, Truxal®, Atosil®, Neurocil®, Protactyl®)


Gruppe II mittlere neuroleptische Potenz (Leponex®, Ciatyl®, Psyquil®, Aolept®, Eunerpan®, Megaphen®)


Gruppe III starke neuroleptische Potenz (gefühlsmäßige Dämpfung ohne Müdigkeit - Jatroneural®, Decentan®)


Gruppe IV sehr starke neuroleptische Potenz (Triperidol®, Haldol®, Fluanxol®, Glianimon®, Lyogen®, Dapotum®)


Mögliche Nebenwirkungen:


  • Müdigkeit, Neigung zur Hypotonie, Schwindel, Zittrigkeit, Herzklopfen, Schwitzen, Mundtrockenheit, Lesestörungen, Bewegungssteifigkeit, Verstopfung, Miktionsbeschwerden, Herabsetzung der Mimik, Schriftbildversteifung

  • Zungen-Schlund-Syndrom (unwillkürliche Verkrampfung der Zungen- und Mundbodenmuskulatur - Atemstörungen möglich = Notfall

  • Parkinsonoid nach längerer Anwendung möglich (eingebundene Körperhaltung, Muskeltonuserhöhung, kleinschrittiger Gang, keine Mitbewegung der Arme, Tremor)

  • Spätdyskinesien nach längerer Anwendung möglich (oft auf Mundbereich beschränkt = Schmatz- und Zungenwälzbewegungen auch Torsiondystonie möglich = schraubenartige Bewegungen an Hals und Rumpf)

  • endokrine Nebenwirkungen (Amenorhoe, Galaktorhoe, Abnahme von Libido und Potenz

  • Blutbildveränderungen

2) Antidepressiva:  

Präparate siehe Therapie bei Depression


(Stimmungsaufhellend und angstlösend, zum Teil auch sedierend bzw. aktivierend)


Mögliche Nebenwirkungen:


  • Tachykardie, Schwindel, Austrocknung der Schleimhäute (Mund,Nase, Vagina), Feinschlägiger Fingertremor
  • Hyperhidrose (besonders nächtliches Schwitzen), Sehstörungen, Gewichtszunahme, Obstipation, gelegentlich Harnverhalt

3) Tranquilizer:

(z.B.: Adumbran®, Lexotanil®, Dalmadorm®, Tavor®, Tranxilium®, Valium®)


(psychisch entspannend, emotional harmonisierend und angstlösend - kaum Beeinträchtigung des Bewußtseins, psychische Abhängigkeit kommt vor!)


Mögliche Nebenwirkungen:


  • Müdigkeit, Schwindel, Ataxie, Dysarthrie, Sexualfunktionsstörungen,

  • seltener Magen-Darm-Beschwerden, Ödeme, allergische Hautreaktionen, Muskelschwäche (Doppelbilder)

2.3.2 Psychotherapeutische Verfahren


wie Einzel- und Gruppengespräche, Verhaltens- und kognitive Therapien, Paar- und Familientherapie, sowie die Psychoanalyse können hierin zusammengefaßt werden. Ziel ist die die Bearbeitung / Bewältigung persönlicher Probleme, bzw. die Beeinflussung von Verhaltensstörungen und Leidenszuständen mit psychologischen Mitteln.


Wichtige Bereiche im einzelnen:


  • Psychoanalyse (nur noch selten angewandt, auf S. Freud zurückgehend)

  • Kurzpsychotherapie (beschränkt sich auf den Hauptkonflikt - ohne die gesamte Persönlichkeitsproblematik durchzuarbeiten, Dauer etwa 50 Stunden bei 2 Stunden wöchentlich)

  • Führende und stützende Gespräche (auf längere Sicht angelegt, soll entlasten, beraten, begleiten)

  • Körperbezogene Therapiemethoden (Entspannung, Bewegung, verbessert Gefühl des eigenen Körpers)

  • Verhaltenstherapie (Desensibilisierung,. Reizkonfrontation, Selbstsicherheitstraining, op. Konditionieren etc.)


2.3.3 Sozialtherapeutische Verfahren / Basistherapie


Bedeutendster Faktor in diesem Bereich ist die Atmosphäre im psychiatrischen Krankenhaus, wie sie durch das gesamte therapeutische Team (stationär vor allem durch das Pflegepersonal) geprägt wird. Die Milieutherapie zeichnet sich durch Erhaltung einer humanen Umgebung mit wohnlichem Charakter aus, Angebote mitmenschlicher Kontakte, Arbeitsmöglichkeiten sowie Angebote zur Freizeitgestaltung sind selbstverständlicher Bestandteil. Weiterhin gehören die Ergotherapie (Arbeitstherapie in Werkstätten u.ä. und Beschäftigungstherapie mit Angeboten im Bereich des schöpferischen Schaffens und künstlerischen Gestaltens), Spiele, Musiktherapie und Sportangebote dazu. Ziel aller dieser Maßnahmen ist die Verbesserung der sozialen Situation, sowie die Stärkung gesunder Kräfte und Förderung der Eigeninitiative, der Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit des Patienten.


Die therapeutische Anordnung der Verfahren obliegt dem Arzt. Organisation, Koordination und Kontrolle liegt aber weitgehend im Aufgabenbereich der Pflegenden. Schwerpunkte sind vor allem Milieutherapie und Medikation, aber auch in Ergotherapie, Gesprächsrunden und sonstigen Angeboten sind Pflegekräfte gefordert.


2.4 Pflegende im therapeutischen Einsatz


Das wichtigste therapeutische Mittel der Psychiatrie ist die eigene Person. Hierin wird deutlich, daß die Grundlage der pflegerischen Tätigkeit in der Psychiatrie die zwischenmenschliche Beziehung ist. Eigene Empfindungen und Gefühle sind von großer Bedeutung. Basis einer therapeutischen Beziehung ist das Vertrauen des Patienten. Voraussetzungen dazu:


  1. Der Betreuer wirkt als echte Person mit eigenen Gefühlen und Werten (Kongruenz - Echtheit).

  2. Er akzeptiert den Patienten, ohne zu werten (Wertschätzung des anderen)

  3. Er zeigt Interesse am Patienten und versucht zu verstehen (Empathie)

Das Pflegepersonal gibt einer Station ihr Milieu. Sie sind die meiste Zeit für den Patienten erreichbar und sorgen für Kontinuität der Behandlung. Obgleich die Therapeuten (Ärzte o.ä.) ständig wechseln geben Pflegepersonen Stationstraditionen weiter und bestimmen hauptsächlich "wie man was tut". Sie vermitteln den Patienten Sicherheit und Vertrautheit, wenn er nach Jahren in die Klinik zurück kommt und trotzdem einzelne Personen oder Praktiken wiedererkennt.


Stationsorganisation:


Die Organisation einer Station zum therapeutischen Milieu ist eine der Aufgaben von Schwestern und Pflegern. Soziotherapeutische Aufgaben, festlegen klarer Regelungen und die Bestimmung des Tagesablaufs gehören dazu. Der Wechsel von Aufgaben (Pflichten) und Freizeit im Tagesablauf, gestuft je nach Krankheitsbild, vermitteln dem Patienten das er im Krankenhaus behandelt wird und nicht entrechtet herumsitzt.


Beispiel: Die Beschaffung von Putzmitteln, Wäsche, Essen und Diäten etc. gehört in den Aufgabenbereich des Personals. Die Delegation einiger dieser Tätigkeiten an bestimmte Patienten kann aber therapeutisch wie auch pflegerisch richtig und wichtig sein. Gleichzeitig zeigt sich aber in der Organisation der Arbeit ob das Pflegepersonal therapieorientiert arbeitet. Werden nur unangenehmen Arbeiten auf die Patienten abgeschoben (spülen, schneefegen), oder werden ihnen auch Arbeiten die das Selbstbewußtsein der Patienten stärken können überlassen (Einkaufen, Obst oder Joghurt verteilen, Kuchen backen, Spülmaschine anstellen)?


Die alten Aufgaben des Pflegepersonals sind natürlich auch heute noch wichtig: Assistenz bei Untersuchungen, Umsetzung der Therapie etc. Das neue Gesicht der Psychiatrie zeigt sich hier in der Art der Durchführung. Während der Patient gegenüber einer verwahrenden Pflegeperson Medikamente ungefragt zu schlucken hat, wird die behandlungsorientierte Pflegekraft baldmöglichst dem Patienten die einzelnen Medikamente zeigen, Namen, Aussehen und Wirkung erläutern und den Patienten darauf vorbereiten, die Medikamente nach der Entlassung selbständig und eigenverantwortlich einzunehmen.


Zur Bestimmung von Grenzen und Regeln gehört die Fähigkeit des Pflegepersonals "Nein" sagen zu können. Es wäre ein falsch verstandenes Verständnis für den Patienten, wollte man Respekt und Entgegenkommen gleichsetzen mit "alles erlauben". Das relativ enge Zusammenleben in der Pflegegruppe würde dadurch erheblich schwieriger und spannungsreicher.


Selbstwahrnehmung:


Wesentlich ist der Wandel in der Rolle des Pflegepersonals vom Aufpassen zum Dabeisein. "Der Pfleger, die Schwester ist für mich da!" Es kann sich in Gesprächen, wie auch in gemeinsamen Aktivitäten (Spülen, Bettenmachen, Essen, Skat spielen oder geplante therapeutischen Anstrengungen wie Stationsversammlungen) äußern.


Der Einsatz der eigenen Person als Therapeutikum setzt in diesem Zusammenhang jedoch eine ausgiebige Selbstbeobachtung voraus. Eigene Gefühle wie Ärger, Angst oder Sympathie müssen wahrgenommen werden. Die Pflegekraft muß lernen mit ihnen umzugehen um sie nicht unkontrolliert an die Patienten weiterzugeben.


Das bedeutet nicht, daß sich die Pflegeperson künstliche oder unnatürlich Verhalten soll. Im Gegenteil ist es wichtig dem Patienten eigenen Ärger, beispielsweise über Verhalten des betreffenden Patienten (Anfassen, Distanzlosigkeit o.ä.), mitzuteilen - dieses Mitteilen muß aber bewußt gesteuert sein ("Eben habe ich mich aber sehr über Sie geärgert, als Sie ... ") und darf nicht unbeherrscht, in Ausnutzung der eigenen Machtposition, geschehen (Machtsymbole sind allein schon Dienstkleidung und Stationschlüssel, es bedarf keiner zusätzlichen Herabsetzung von Patienten!). Insgesamt ist es besser den Ärger offen auszusprechen und dem Patienten mitzuteilen, als ihn herunterzuschlucken und dann doch bewußt oder unbewußt, an den Patienten weiterzugeben. Hierdurch wird dem Patienten gleichzeitig die Möglichkeit gegeben herauszufinden wie sein Verhalten auf Schwestern und Pfleger wirkt. Er lernt dabei vernünftige Regelungen des Zusammenlebens auf Station einhalten (Man faßt den anderen nicht gegen seinen Willen an und nimmt ihm die Zigarette weg.)


Diese Art des Umgangs mit den eigenen Gefühlen ist nur möglich, wenn die Pflegekraft sich über die eigenen Gefühle und deren Hintergründe klar ist. Sie muß wissen, an welchen Werten und Maßstäben sie sich selbst mißt und welche sie auf die Patienten überträgt. Sie muß weiterhin lernen, sich mit eigenen Emotionen und Erfahrungen auseinander zu setzen und sie von denen des Patienten zu trennen. Häufig werden folgende Fragen zu stellen sein:


  • Welche Gefühle bewirkt der Patient (bzw. sein Verhalten) bei mir, was löst er in mir aus?

  • Erinnern mich meine Reaktionen an andere Situationen, in denen ich ähnlich reagiert habe?

  • Erinnert mich der Patient an andere Personen?


Grundlagen der therapeutisch-pflegerischen Haltung:


  1. Respekt vor dem Individuum / Patienten zeigen


    Wann immer möglich sollten die Ziele der Behandlung die Ziele des Patienten sein. Der therapeutische Prozeß beruht auf Kooperation. Maßnahmen gegen den Willen des Patienten sind nur mit größter Zurückhaltung und erst nach der Prüfung von Alternativen anzuwenden.

  2. Berufsgeheimnis achten

    Nur durch Wahrung des Berufsgeheimnisses ist eine Vertrauensbasis zwischen Patient und Mitarbeitern zu erzielen. Der besondere Einblick in die Geheimsphäre der anderen Person verpflichtet dazu.

  3. Berufliche Kompetenz aufbauen und erhalten

    Die Arbeit in einer psychiatrischen Klinik verlangt einen persönlichen und reflektierten Einsatz. Auch wenn sie zum großen Teil aus dem besteht, was zum normalen Umgang mit Menschen gehört, ist die pflegerische Tätigkeit spezifisch und erfordert professionelles Fachwissen.

Psychiatrisch-pflegerische Besonderheiten


Bestimmte Aspekte pflegerischen Tuns haben in der psychiatrischen Klinik einen besonderen Stellenwert.


Im einzelnen sind zu beachten:


Das pflegerische Gespräch


  • erfolgt spontan, natürlich und ungezwungen

  • repräsentiert für den Patienten die normale Außenwelt, hilft ihm bei der Orientierung

  • dient anders als das ärztliche Gespräch nicht vorrangig der Diagnostik und folgt nicht bestimmten Methoden oder Techniken

  • es kann als therapeutisches Mittel eingesetzt werden um Patienten z.B. vom Reden über seine Krankheit abzulenken

  • dient in Kombination mit dem Zuhören oder einem einfachen Schweigen dem Anbahnen und Vertiefen von Vertrauen

  • bedarf immer der Wahrhaftigkeit der Pflegenden (Unwahrheiten oder Falschheit gehören nicht in ein pflegerisches Gespräch)


Gezielte Zuwendung


  • kann den Patienten aus Passivität und Isolierung lösen und neues Selbstbewußtsein wecken

  • ist ungebunden von Zeit und Ort unter Ausnützung jeder Gelegenheit im Patientenalltag möglich (Essenszeiten, Spaziergänge, “leere Momente”)

  • kann in jeder möglichen und angebrachten Form erfolgen (Gespräch, Spiel, Hilfestellung)


Bericht, Dokumentation


  • Beobachtungen und Geschehnisse rund um den Patienten werden schriftlich und ohne eigene Interpretation dokumentiert

  • wichtige Grundlage der Beschreibung ist das Fachwissen und die darauf aufbauende gezielte Beobachtung der Patienten


Haftung


  • Vorgänge sind besonders auf strafrechtliche Relevanz zu prüfen (Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Fahrlässigkeit)

  • zivilrechtlich kann sich Haftung vor allem aus finanziellem Schaden der Patienten ergeben (Zerstörung oder Verlust von Wertsachen, Kleidung u.ä.)


Geheimhaltungspflicht


  • die Schweigepflicht besteht unabhängig von der momentanen Stellung, da psychiatrische Pflege eine besondere Vertrauensstellung durch weit gehende Einblicke in private Sphäre mit sich bringt.

  • der Tod eines Patienten entbindet nicht von der Schweigepflicht

  • eine Entbindung von der Geheimhaltungspflicht kann erfolgen im Interesse:

    • der Allgemeinheit

    • naher Angehöriger

    • des Patienten selbst (bei fehlender Einsicht).

  • Sie geschieht durch:

    • Einwilligung des Patienten

    • die zuständige Aussichtsbehörde

    • Gesetz (Vormundschaft, Betreuung)

  • Verletzung der Schweigepflicht liegt nicht vor bei:

    • Weitergabe im therapeutischen Team

    • Information i.R.d. interdiszipl. Zusammenarbeit

Der behandelnde Arzt bestimmt grundsätzlich die Grenzen des Informationbereiches!


Bauliche Bedingungen


  • Sicherheitsvorkehrungen innerhalb bestimmter Bereiche (Fenstersicherungen, Türriegel) machen den verantwortungsvollen Umgang mit den Schlüsseln zur pflegerischen Tätigkeit

  • Wachsäle und -abteilungen sind besonders Einsehbar (Glaswandungen etc.) und ermöglichen gezielte Beobachtung der Patienten

  • geschlossenen Gärten ermöglichen Ausgänge auch gefährdeter Patientengruppen


Persönliche Gegenstände, Garderobe


  • vor allem bei der Aufnahme in eine geschlossene Abteilung werden Inventarlisten für den Patienten durch das Pflegepersonal erstellt

  • fehlen Winter- oder Sommerkleider ist frühzeitig für Ersatz zu sorgen (Angehörige, Kleiderkammer)

  • Wertsachen/Geld werden gegen Quittung in der Verwaltung hinterlegt

  • besondere Kontrollen werden nötig bezüglich mitbringen von Medikamenten, Suchtmitteln, und evtl. gefährlicher Gegenstände (Eau de Cologne-, Rasierwasserflaschen, Messer, Scheren, Rasierklingen, Zündhölzer etc.)


Mahlzeiten


  • erfolgen in ruhiger, häuslicher Atmosphäre

  • dienen u.a. dem Sozialtraining

  • bedürfen der besonderen Beobachtung auf Appetitlosigkeit, Nahrungsverweigerung, einseitiger Ernährung, Unbeholfenheiten von Patienten usw.


Verhalten bei Unfällen u.ä.


  • Prophylaxe durch verantwortungsbewußten Umgang mit Gefährdungspotentialen und hoher Wachsamkeit

  • im Falle eines Unfalls je nach Situation Mitpatienten fernhalten oder als Helfer, Boten einsetzen

  • Hausnotruf betätigen und erste Hilfe leisten

  • Bei Suizidversuch genügend Hilfspersonen alarmieren und Soforthilfe durchführen

  • Im Feuerfall je nach Bedingungen Patienten fernhalten, retten, Feuerlöscher betätigen, Türen schließen, Notruf

  • bei Entweichung eines Patienten Weitergabe:

    • Wer ist geflohen? Wie sah er aus (Kleidung)?

    • Welche Motive sind erkennbar? Besteht Suizidalität, Desorientierung, Halluzinationen, Fremdgefahr?

    • Informationen an den Dienstarzt, evtl. Weitergabe an Polizei, Angehörige, Vormund (Arztsache!)


Wahrnehmung


Ist die gezielte Beobachtung des Patienten. Sie stellt den Einzelnen vor die Aufgabe einer wertungsfreien, nüchternen Wahrnehmung der anderen Person. Hier verdeutlicht sich die Bedeutung der Teamarbeit in der Psychiatrie. Jeder sieht den Patienten aus seiner Richtung und mit seinen eigenen persönlichen Vorerfahrungen. Nur im vergleichend - ergänzenden Austausch mit den anderen Teammitgliedern ergibt sich ein geschlossenes Bild, welches dem augenblicklichen Zustand des Patienten gerecht wird.


Gleiches gilt für die Besprechung der therapeutisch-pflegerischen Maßnahmen und Ziele. Obschon einzelne therapeutische Maßnahmen (Gespräche) überwiegend nur allein durchführbar sind, muß die gemeinsame, patientenzentrierte Zielsetzung des Teams die Grundlage allen "Einzelkämpfertums" sein.


Sicherheit im geschlossenen Bereich:


Zum Schutz des Patienten und zur Gewährleistung des Therapieerfolges, wie auch zur Abwendung von Gefahren für die Umwelt bleiben in geschlossenen Abteilungen Fenster, Türen und Schränke verschlossen. Nicht gedankenlos mit dem Schlüssel hantieren, keine Machtdemonstration durch offenes Tragen des Schlüssels! Besucher auf Regeln hinweisen, Geschenke prüfen, bei Verdacht taktvoll kontrollieren. Zwangsmaßnahmen (bei Suizidgefahr, Aggression) nur unter Beachtung der geltenden Bestimmungen (Anordnung / Notfall) durchführen.


Ein Notfallbett, mit eingezogenem Gummi (Inkontinenzschutz), Bettgittern und vorbereiteten Fixationsgurten sollte immer bereit stehen.


Autor und Copyright: Jürgen Weber

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